Zurück auf Los

Roman

Astrid Behringer ist eine renommierte Neurologin – bis sie einen Autounfall hat und dabei ihre Frau und ihre Tochter verliert. Die Ärztin fällt in ein tiefes Loch, kündigt ihre angesehene Stelle in der Berliner Charité und flüchtet in ihre Kindheitsheimat Bayern. Vor der Kulisse des Ski- und Bergparadieses Berchtesgaden versucht sie einen Neuanfang – zurück auf Los!

Leicht wird ihr das nicht gemacht: Der neue Kollege in der Privatklinik am Königssee mobbt sie, weil er seine Beförderung zum Chefarzt bedroht sieht, und eine falsche neue Freundin verbreitet wilde Gerüchte – insbesondere über Astrids smarte neue Nachbarin Izzy. Die Immobilienhändlerin wird wegen einer Großfamilienfehde von allen wie eine Aussätzige behandelt. Man munkelt, sie habe ihren eigenen Bruder geheiratet und obendrein gar ein kleines Kind ertränkt …

Gegen alles böse Gerede entwickelt Astrid eine Zuneigung für Izzy. Die Frauen kommen sich näher, doch beide haben noch mit den Schatten ihrer Vergangenheit zu kämpfen – zudem ist Izzy heterosexuell. So mancher Knoten bleibt zu lösen, bis überraschende Wahrheiten ans Licht kommen und sich neue Wege auftun.

 

Erscheint: März/April 2020


Leseprobe

Das Gefühl, wieder etwas verloren zu haben, etwas aufgeben zu müssen, was sie liebgewonnen hatte, war übermächtig. Astrid hatte kaum auf dem Beifahrersitz Platz genommen und die Auto­tür hinter sich zugezogen, als ihre Selbstbeherrschung in sich zusammenbrach. Sie schluchzte in ein Taschentuch und schämte sich zugleich, dass sie sich so gehen ließ. Was sollte Izzy nur von ihr denken? Eine erwachsene Frau, die weinte, weil sie einen kleinen, verwaisten Fuchs nach nur zwei Tagen abgeben musste?

     Izzy schien tatsächlich nicht zu wissen, wie sie sich verhalten sollte. Sie sah zu Astrid herüber, bestürzt und ratlos zugleich. Irgendwann streckte sie zögernd die Hand aus und berührte sanft Astrids Schulter.

      »Schätzchen«, sagte sie leise. »Es wird alles wieder besser. Gib dir Zeit.«

      Astrids Tränen versiegten schlagartig. Izzys so simpel klingende Worte versetzten sie in Alarmbereitschaft. Was die Frau auf dem Fahrersitz da sagte, hatte nichts mit dem Fuchs zu tun, ebenso wenig wie ihr Tränenausbruch nur auf das Tier zurückzuführen war. Sie hatte mit Izzy fast einen ganzen Tag verbracht und doch waren ihre Gespräche um keinen Deut persönlicher geworden. Izzy hatte ihr keine einzige Frage zu ihrer Vergangenheit gestellt. Dass sie jetzt Worte wählte, die Hintergrundwissen voraussetzten, ließ nur einen Schluss zu.

      »Hast du mich gegoogelt?«, presste Astrid mit erstickter Stimme hervor.

      Izzy zog ihre Hand zurück. »Nein.« Sie wirkte verwirrt. »Wieso sollte ich? – Ich weiß gar nicht, wie du mit Vornamen heißt!«

      »Was?«

      Astrid starrte die Frau an, die ihr plötzlich wieder völlig fremd war. Sie wohnte seit Wochen nebenan. Sie hatten gemeinsam gekocht, Stunden auf Izzys Couch zusammengesessen, über Weine, ausgefallene Speisen, dies und das geplaudert. Und jetzt zeigte sich, dass diese Frau noch nicht einmal ihren Namen kannte!

      »Was glaubst du wohl, warum ich dich Schätzchen nenne?!«

      Weil du nicht gefragt hast, wie ich heiße. Weil du mich nicht wahrnimmst, kein Interesse an mir als Person hast.

      »Astrid.« Ihre Stimme klang genauso frostig wie beabsichtigt. »Mein Name ist Doktor Astrid Behringer, Master of Science, Master of Business Administration. Meine Habilitation habe ich über Mutationen des Nerv Growth Factors verfasst. Ich bin eine der führenden Schmerzexpertinnen Deutschlands.«

     Sekunden verstrichen. Dann drehte sich Izzy langsam zu ihr. »Beeindruckend«, sagte sie, doch ihre Stimme brachte das Gegenteil zum Ausdruck. »So viele akademische Titel. – Sonst weißt du nichts über dich zu sagen?«

       Astrids Lippen waren zu einem schmalen Strich geworden. Ihr dämmerte bereits, dass die Auflistung ihrer akademischen Laufbahn in diesem Zusammenhang denkbar unpassend gewesen war. Doch die Demütigung saß ihr noch in den Knochen. Wenn sie schon im privaten Bereich versagt hatte – als Ärztin und Wissenschaftlerin hatte sie immer Hochleistung gebracht! Sie wollte wieder als Expertin wahrgenommen werden, als Koryphäe auf ihrem Gebiet, nicht als die Frau, die vor inzwischen eineinhalb Jahren einen schrecklichen Fehler begangen hatte.

       »Über mich gibt es darüber hinaus sicher nicht so viel zu sagen wie über dich.« Der Satz war ausgesprochen, ehe Astrid ihn noch einmal überdenken konnte.

       Für einen Moment verharrte Izzy, die gerade den Motor starten hatte wollen, in der Bewegung, den Blick starr geradeaus auf die Tannen gerichtet, die den Parkplatz säumten.

      Dann sagte sie ganz ruhig: »Okay. Das war‘s. Steig aus. Verlass sofort meinen Wagen!«

       Außer der Wildtierstation gab es hier nichts – keinen Bahnhof, keinen Bus, keinen Taxistand.

      »Du hast mich schon verstanden«, erwiderte Izzy. »Verlass jetzt bitte meinen Wagen. – Ich bin sicher, Frau Doktor Behringer, Master of Science, Master of Weiß-der-Geier-was ist in der Lage, sich einen Transport nach Hause zu organisieren!«


Paperback 20,00 €

ca. 400 Seiten

ISBN 978-3-89741-442-6

eBook 16,99 €

ISBN  978-3-89741-940-7